Plagiatsaffäre zu Guttenberg: Minister gerettet, Werte verraten – Stern

Eins, zwei, drei, die Affäre ist vorbei: Guttenberg bleibt im Amt, ohne Doktortitel. Der Preis, den Kanzlerin und CDU dafür zahlen müssen, ist allerdings hoch. Von Lutz Kinkel

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„Positives Vorurteil“: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU)© Steffen Kugler/DPA

Eines nicht allzu fernen Tages werden Wissenschaftler den Skandal um Karl-Theodor zu Guttenbergs falschen Doktortitel untersuchen. Und sie werden viele typische Zutaten finden. Zum Beispiel, wie sich ein Thema innerhalb kürzester Zeit zum medialen Tsunami auftürmt. Oder wie der Beschuldigte reagiert. Erst alles abstreiten („Die Vorwürfe sind abstrus“), dann scheibchenweise das Unwiderlegbare zugeben („Ich habe Fehler gemacht“, „Ich habe gravierende Fehler gemacht“). Auch die Reaktionen des Umfelds sind wie aus dem Lehrbuch. Kanzlerin Angela Merkels Versuch, zwischen sich und dem Problem eine Brandmauer zu ziehen, indem sie die Plagiatsaffäre als unerheblich für die Regierungsarbeit klassifizierte. Oder die Bagatellisierung, die von Seiten der Union mit allen Mitteln betrieben wurde („Haben wir nichts Wichtigeres zu tun?“). Klassisch ist auch die Verdichtung des Skandals zu einem Höhepunkt, auf dem ein Opfer gebracht werden muss: in diesem Fall die Rückgabe und Aberkennung des erschwindelten Doktortitels.
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Neu indes ist die Dreistigkeit, mit der der Beschuldigte versucht, die Affäre als Fortsetzung der eigenen Heldengeschichte umzudeuten. Karl-Theodor zu Guttenberg brachte es fertig, sich im Bundestag als Vorbild darzustellen. Seine Behauptung: Würden alle Wissenschaftler so selbstkritisch mit sich umgehen, wie er es getan habe, wäre die akademische Welt eine bessere. Das sagt der Mann, der seine Universität, seinen Doktorvater und die Wissenschaft geleimt hat wie kein Spitzenpolitiker zuvor. Der aus Eitelkeit und Karrierismus andere Autoren bestohlen hat. Der sich eine Sondergenehmigung ausstellen ließ, um den Doktortitel zum frühest möglichen Zeitpunkt in den Briefkopf schreiben zu können und die erschwindelte Auszeichnung dann jahrelang trug. Das ist schon atemberaubend.
Westerwelle wäre weg

Eine auf den Fluren des Reichstags am Mittwoch gerne diskutierte Frage lautete: Was wäre gewesen, wenn nicht Karl-Theodor zu Guttenberg, sondern Guido Westerwelle seine Doktorarbeit zusammen geklaut hätte? Zweifellos: Der Tsunami hätte ihn überrollt, er hätte zurücktreten müssen. Dieses Gedankenspiel weist auf zwei Erkenntnisse dieses Skandals hin. Erstens: Es ist nicht entscheidend, welche Missetat vorliegt, sondern wer sie begangen hat. Zweitens: Popularität schützt vor Konsequenzen. Karl-Theodor zu Guttenberg trifft in der Bevölkerung, wie es Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“ formuliert hat, auf ein positives Vorurteil, auf eine nahezu religiöse Barmherzigkeit, die alles verzeiht. Bei Guido Westerwelle verhält es sich mitunter genau umgekehrt. Noch die kleinste Geste kann die Menschen in ihrem Gefühl bestärken, dass Westerwelle besser nicht Minister wäre.

Kanzlerin Merkel weiß um die Popularität Guttenbergs, und sie weiß auch, dass sie ihre eigene Popularität aufs Spiel gesetzt hätte, wenn sie Guttenberg zum Rücktritt gedrängt hätte. Also ließ sie ihn gewähren. Der Schaden, der ihr daraus mittel- und langfristig erwachsen wird, ist noch nicht zu ermessen, aber seine Konturen sind bereits zu erkennen. Wenn ein Schwindler Minister bleiben darf, lässt sich mit konservativen Werten wie Ehre, Aufrichtigkeit und Anstand nicht mehr glaubwürdig werben. Und wenn ein Schwindler Minister bleiben darf, werden auch andere ein sanftes Urteil einfordern, wenn sie einen Skandal an den Hacken haben. Für die von Merkel oft beschworene Bildungsrepublik ist der Fall Guttenberg ein Menetekel und jeder Produktpirat in China wird sich ins Fäustchen lachen. Und, nicht zu vergessen: Wenn Guttenberg zu solchen Aktionen wie dem Zusammenschustern einer Doktorarbeit fähig ist, was hat er noch angestellt – und was wird er anstellen? Merkel hat sich auf einen Spieler eingelassen.
Die Eliten des Landes

Guttenberg selbst mag das Spiel mit der Bevölkerung gewonnen haben. Im politischen Raum hat er es verloren. Jeder Halbsatz, in dem er die Worte „Prüfung“, „Quellen“ oder auch „Nachforschung“ verwendete, rief am Mittwoch im Bundestag nur noch Gelächter hervor. Wie wird die Truppe reagieren, wenn Guttenberg künftig mal wieder zackig einen Untergebenen feuert? Dass die Studenten an den Bundeswehruniversitäten in München und Hamburg kichern werden, wenn Minister Copy & Paste dort auftritt, ist leicht vorstellbar. Sich Autorität und einen Doktortitel zu erarbeiten, ist ein langer, mühsamer Weg. Verloren ist all‘ das schnell. Die Rückgabe des Titels reicht nicht, um den Schaden wieder gut zu machen. Wäre ihm keiner auf die Spur gekommen – Guttenberg würde sich heute noch Doktor nennen.

Die gesellschaftliche Moral, ein urkonservatives Thema, hat auch damit zu tun, wie sich die Eliten des Landes verhalten. Ob sie Steuern hinterziehen wie der ehemalige Post-Chef Klaus Zumwinkel, ob sie Ressentiments schüren wie der ehemalige SPD-Senator Thilo Sarrazin, ob sie sich ihr Mandat von der Industrie vergolden lassen wie der ehemalige CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer. Oder ob sie Werte für ihre Karriere verraten, wie der amtierende Bundesminister der Verteidigung, Karl-Theodor zu Guttenberg, CSU.

Quelle: stern.de

Kommentar:

Ich glaube nicht, dass Guttenberg noch lange im Amt bleiben kann. Auch, wenn die Kanzlerin glaubt hier mit Vogel-Strauß-Politik reagieren zu können, es wird ihr jetzt selbst um die Ohren fliegen. Einen Lügner und Betrüger als Minister? Das geht gar nicht.

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Über Ricarda

Gründerin und Leiterin der Mobbing-Zentrale, Parteilose Kandidatin für die Bürgerschaftswahl Hamburg 2013
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